Wannst net fort muaßt, so bleib? Autorinnen aus Oberösterreich erzählen
Vielstimmig. Nah. Gegenwärtig.
Frau Prameshuber, Sie sind Schriftstellerin mit oberösterreichischen Wurzeln und leben in der Schweiz. Wie kommt man auf die Idee, eine Anthologie, also eine Kurzgeschichtensammlung, von oberösterreichischen Autorinnen herauszugeben?
Christa Prameshuber: Die Idee ist aus einer sehr persönlichen Bewegung heraus entstanden. Ich lebe seit vielen Jahren in der Schweiz, trage Oberösterreich aber nach wie vor in mir: sprachlich, biografisch und emotional. Irgendwann wurde mir klar, dass dieses Spannungsfeld zwischen Weggehen und Bleiben, zwischen Herkunft und gelebter Gegenwart längst nicht nur mein Thema ist, sondern ein allgegenwärtiges. Viele oberösterreichische Autorinnen setzen sich auf ganz unterschiedliche Weise mit genau diesen Fragen auseinander. Man denke an Marlen Haushofer oder Anna Mitgutsch. Die Anthologie entstand aus dem Wunsch heraus, solche Stimmen zusammenzuführen und sichtbar zu machen, nicht als Nostalgie oder bloße Heimatverbundenheit, sondern als literarische Auseinandersetzung mit einem hochaktuellen Thema.

Was macht diese Anthologie „Wannst net fort muaßt, so bleib?“ aus?
Christa Prameshuber: Das Thema ist langsam gereift. Der Titel „Wannst net fort muaßt, so bleib?“ geht auf eine Zeile aus der oberösterreichischen Landeshymne Hoamatland zurück, die mich seit meiner Kindheit begleitet. Da ich selbst, wie einige der im Buch versammelten Autorinnen, meine Heimat verlassen habe, habe ich diesem Satz bewusst ein Fragezeichen hinzugefügt. Damit öffnet sich ein Dialog zwischen Bleiben und Aufbrechen oder zwischen äußerer und innerer Heimat – so auch der Titel einer der Geschichten.
Die Anthologie versammelt sehr unterschiedliche Stimmen und Erfahrungen. Sie zeigt, wie vielfältig Heimat gedacht und erlebt werden kann: als Ort der Verwurzelung, als Ausgangspunkt für Bewegung oder als innerer Raum, den man überallhin mitnimmt. Gerade diese Vielstimmigkeit prägt den besonderen Charakter des Buches.
Aufschlussreich ist auch die Sprache der 32 Texte selbst. In den zahlreichen Wortbildungen rund um „Heimat“ – von Heimatlosigkeit und Heimatvertriebenen über Heimatgefühl und Wahlheimat bis hin zu Heimatschein und Heimatschutzarchitektur – spiegelt sich die ganze Bandbreite dessen, was mit diesem Begriff verbunden wird. Auffällig ist zudem, dass in etwa der Hälfte der Geschichten Großeltern eine Rolle spielen, in positiven wie auch ambivalenten Darstellungen. Großväter und Großmütter erscheinen dabei als wichtige Bezugspersonen und Träger von Erinnerungen.

Welche Autorinnen haben Texte zu dieser Anthologie beigesteuert?
Christa Prameshuber: Hier sind Texte von 32 Autorinnen versammelt, die alle einen direkten Bezug zu Oberösterreich haben, auch wenn nicht alle ursprünglich von hier stammen.


Was macht für Sie persönlich die Faszination dieses Themas aus? Was finden Sie daran so interessant?
Christa Prameshuber: Mich fasziniert an diesem Thema, dass Heimat nichts Abgeschlossenes ist. Sie verändert sich mit uns, besonders dann, wenn man zwischen Ländern und Sprachen lebt. Aus der Distanz wird manches klarer, anderes brüchiger. Mich interessieren diese feinen Verschiebungen: Wann fühlt man sich zugehörig, wann fremd? Was bleibt, wenn man geht, und was trägt man unbewusst weiter?
Die Geschichten im Buch zeigen sehr unterschiedliche und unerwartete Deutungen: Heimat als geografischer Raum, etwa das Mühlviertel, als konkreter Ort wie das Café Traxlmayr, als eine Person, wie Tante Rosi, als Lebensmittelpunkt, aber auch als Bindung, von der man sich lösen möchte. In Johanna Tschautschers Erzählung stellt die Großmutter die Frage: „Ist Heimat hier auf Erden oder im Himmel?“ Und bei Dominika Meindl heißt es: „Man muss nicht aus Oberösterreich fort, sollte aber. Zumindest ein paar Jahre lang. Nach sieben Jahren in Wien fühle ich mich jetzt in der Heimat wie eine Katze, die sich in eine kleine Schachtel zwängt und darin sinnlos glücklich ist.“
Weshalb legen Sie Menschen dieses Buch ans Herz?
Christa Prameshuber: Weil uns diese Fragen alle betreffen. Weil das Buch zeigt, wie vielschichtig Heimat erlebt werden kann. „Heimat kann man nicht abstreifen wie einen alten Mantel“, heißt es oft. Auch unsere Oberösterreich-Anthologie knüpft daran an: Sie versammelt vielfältige Perspektiven auf Heimat und Identität und lädt zu neuen Sichtweisen und zum Austausch ein.
Wichtig war mir auch, unterschiedliche Generationen und literarische Stimmen sichtbar zu machen und ihnen gleichermaßen Raum zu geben. Die Geschichten sind sehr unterschiedlich, oft überraschend und berührend. Sie laden dazu ein, eigene Erinnerungen und Fragen wiederzufinden. Ich glaube, viele Leserinnen und Leser werden sich in einzelnen Momenten wiedererkennen.

Was fasziniert Sie selbst am Schreiben?
Christa Prameshuber: Mich fasziniert, dass Schreiben ein Mittel ist, Erfahrungen und Erinnerungen zu ordnen und dabei neue Perspektiven zu erhalten. Im Schreiben kann man genau hinschauen, Zwischentöne wahrnehmen und Dinge ausdrücken, für die es im Alltag oft keine Sprache gibt. Es ist ein Prozess des Entdeckens und des Freilegens verborgener Gedanken über sich selbst. Schreiben habe ich immer als Befreiung erlebt und als ein erstaunliches Wiederentdecken meiner selbst.
Gibt es eine Botschaft oder Weisheit, die Sie mit anderen teilen möchten, basierend auf Ihren Erfahrungen als Herausgeberin dieser Anthologie?
Christa Prameshuber: Auf jeden Fall: Wage es! Wenn man eine Idee hat, sollte man darüber sprechen und sie mit anderen teilen. Vielfalt ist eine große Stärke – unterschiedliche Stimmen und Lebenswege bereichern einander. Literatur kann Brücken schlagen, zwischen Generationen, Regionen und Erfahrungen.
Das Buch in 3 Worten?
Christa Prameshuber: Vielstimmig. Nah. Gegenwärtig.
